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An der Waldschänke nagt
der Zahn der Zeit
Historisches Restaurant verfällt
immer mehr / Bürgerverein will Sanierung
Von Vera Kliemann
Als Kind bin ich oft mit meinen Eltern nach einem
Spaziergang durch die Heide in der Waldschänke
eingekehrt, sagt Ursula Steiger. Sie wohnt
in Hellerau und ärgert sich, wie die Ruine
der ehemals viel gefragten Gaststätte Am
Grünen Zipfel immer mehr verfällt. Wer
mit dem Auto in die Gartenstadt kommt, über
den Moritzburger Weg oder die Straße Am
Grünen Zipfel, hat das marode Haus als ersten
Eindruck des Stadtteils vor Augen, ehe er das
berühmte Festspielhaus von Heinrich Tessenow,
den Markt von Richard Riemerschmid und die Reihenhäuser
von H. Muthesius anschauen kann.
Gäste von damals: Rilke und Kafka
Man ahnt kaum noch, dass dieses große
Gebäude zum Ensemble des alten Hellerau gehörte
und seine Traditionen bis zum Anfang des vergangenen
Jahrhunderts zurückreichen, sagt Eva
Siedel, die ebenfalls in Hellerau wohnt. Sie erlebte
im Garten der Waldschänke schöne
Kindertage. Wer sich mit der Geschichte Helleraus
beschäftigt, weiß, Berühmtheiten
wie Rilke, Werfel und Kafka waren Gäste des
Restaurants. Jetzt ist der denkmalgeschützte
Bau so marode, dass es vorrangig um die Sicherung
vor dem Zusammenstürzen geht. Wir haben
dafür gesorgt, dass die Fenster vernagelt
wurden, der Laubengang nicht einfällt und
die Mauer am Treppenaufgang notdürftig hält,
sagt Margit Springer vom Hellerauer Bürgerverein.
Schon 1989 kümmerten wir uns beim
damaligen Rat des Bezirkes um die baufällige
Gaststätte, und alle, denen die ,Waldschänke
am Herzen liegt, waren froh, als ein Ehepaar aus
München das Haus kaufen und sanieren wollte.
Der Vater des Käufers hatte an der Kölner
Werkbundschule studiert, an der ähnliche
Reformideen verfolgt wurden wie im ersten Jahrzehnt
des 20. Jahrhunderts in Hellerau. Fünf Jahre
mühten sich die Münchner um die Baugenehmigung.
Als sie erteilt war, begann der Bauherr mit der
Schwammsanierung. Er plante, die historische Waldschänke
mit einem Hotelneubau zu verbinden. Dazu sollten
Flächen dazugekauft werden, um Platz für
parkende Autos zu schaffen. 44 Zimmer waren
in dem künftigen Hotel geplant, sagt
Margit Springer. Für die Banken bedeutete
das nicht genügend Sicherheit, es hätten
mehr Zimmer sein müssen. Nach dem langen
Hin und Her verfiel die Baugenehmigung. Eine Münchener
Immobilienfirma, die inzwischen Insolvenz anmeldete,
wurde Eigentümer des Objekts. Das änderte
nichts am Tatbestand, dass der Zahn der Zeit weiter
an der Waldschänke nagte. Der Architekt Clemens
Galonska von der Hellerauer Besucherinformation
Am Markt 2 nahm Verbindung mit der Kanzlei auf,
die den Nachlass der Firma verwaltet. Es
gibt Anzeichen, dass das Gebäude weiter verkauft
wird, sagt er. Ob das ein Hoffnungsschimmer
für die alte Waldschänke sein könnte,
weiß allerdings niemand.
Neuer Investor wird gesucht
Der Ortsamtsleiter von Klotzsche, Gottfried Ecke,
freut sich darüber, dass sich der Bürgerverein
so intensiv um das historische Gasthaus kümmert.
Wenn sich ein Investor findet, der aus diesem
Schandfleck etwas Attraktives für Hellerau
machen will, ist die Stadt gefragt, ihm eine Chance
zu geben, sagt er. So lange können
nur Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden,
dass niemand durch das verfallende Haus Schaden
erleidet.
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